„Onkel, behalt mich hier, ich will doch nicht nach Auschwitz“

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Datum
28.09.2022
19:00 - 20:30 Uhr

Veranstaltungsort
Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma
Bremeneckgasse 2
69117 Heidelberg


Willy Blum – Lebenswege verfolgter Kinder. Lesung und Ausstellungseröffnung im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

Altes schwarz-weiß Bild. Darauf sind 16 Menschen auf einem Gruppenbild zu sehen. Neben einigen Erwachsenen auch viele Kinder. Der kleine Willy Blum ist mittig auf dem Arm eines Familienmitgliedes zu sehen.
Willy Blum (mittig, auf dem Arm) im Kreis seiner Familie (Foto: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma)

Willy Blum war 16 Jahre alt, als er ermordet wurde. Von ihm überdauerte nur ein Eintrag auf einer Deportationsliste, neben dem durchgestrichenen Namen von Stefan Jerzy Zweig, der durch den Roman „Nackt unter Wölfen“ weltweit Berühmtheit erlangte. Das Schicksal von Willy Blum aber blieb lange völlig unbekannt. Erst die Historikerin Annette Leo begab sich auf Spurensuche und recherchierte die Geschichte des Sinto-Jungen und seiner Familie.

Aus ihrem Buch „Das Kind auf der Liste“, das auch vom Verschweigen einer Opfergruppe in der Nachkriegszeit erzählt, liest die Autorin am Mittwoch, 28. September, um 19 Uhr im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in der Bremeneckgasse 2 in Heidelberg. Ebenfalls anwesend sein wird Ella Braun, die Nichte von Willy Blum, die tatkräftig die Forschungen von Annette Leo unterstützt hat.

Aus dem Leben verfolgter Kinder und Jugendlicher

Im Anschluss werden durch und in Anwesenheit von Holocaust-Überlebenden und Familienangehörigen in der Dauerausstellung neun biografische Koffer geöffnet und der Öffentlichkeit übergeben. Sie rücken die Lebensgeschichten verfolgter Kinder und Jugendlicher in den Mittelpunkt.

Darunter auch die Geschichte von Willy Blum und den 200 Kindern von Buchenwald, deren Namen sich auf der Deportationsliste in die Vernichtung finden. „Onkel, behalt mich hier, ich will doch nicht nach Auschwitz“ lautet das Zitat eines Buchenwald-Häftlings, der den Kindern im Lager noch begegnet ist.

Damit wird die Dauerausstellung um eine biografische Ebene erweitert und ein einzigartiger musealer Vermittlungsansatz erprobt. Die in alten Koffern präsentierten Objekte, Fotos und Dokumente sind anfassbar. Lebensgeschichten werden auf diese Weise sinnbildlich greifbar.

Ein Portraitbild von Annette Leo
Die Historikerin und Publizistin Annette Leo (Foto: privat)
In einem alten Koffer sind zahlreiche Gegenstände, darunter Familienbilder, eine Zigarrenkiste, Bücher und eine farbenfrohe Handpuppe. Im Deckel des Koffers ist ein Bild von Adolf Heilig und biografische Informationen angebracht.
Geschichtskoffer von Adolf Heilig (Foto: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma/Lars Kehrel)

Neben Überblickstexten können Sequenzen aus Zeitzeugeninterviews abgerufen werden. Diese erläutern die Bedeutung der Objekte und die dahinterstehenden Geschichten. Die eher unkonventionelle Präsentationsform trägt dem Wunsch vieler Jugendlicher, aber auch von älteren Besucherinnen und Besuchern Rechnung, Geschichte nicht nur aus der Distanz betrachten zu können, sondern sie erkunden, anfassen und quasi „an sich heranlassen“ zu können.

Die Inhalte der biografischen Koffer dienen dabei nicht nur als Exponate, sondern zugleich auch als Arbeitsmaterialien für eine vertiefende Auseinandersetzung mit der Ausstellung sowie den Akzenten „entdecken“, „forschen“ und „reflektieren“. In Vorbereitung ist zudem ein Workshopangebot für Jugendgruppen ab 2023.

Für die persönliche Teilnahme an der Veranstaltung wird um vorherige Anmeldung unter info@sintiundroma.de gebeten. Die Lesung aus „Das Kind auf der Liste“ kann via Zoom auch digital besucht werden. Der Teilnahmelink kann ebenfalls unter info@sintiundroma.de erfragt werden.


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