Bericht zur Dachau-Exkursion online

In Kooperation mit der „Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit – Heidelberg“ und der „VVN-BdA – Heidelberg“ führte das Dokumentationszentrum deutscher Sinti und Roma am 12. Juni 2010 eine Tagesexkursion in die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau durch. Rund 20 Schüler der Schwetzinger Carl-Theodor-Schule und weitere 18 Teilnehmende aus Heidelberg, Frankfurt und dem Elsass begaben sich auf eine längere Busreise, um gegen 13:00 Uhr in Dachau einzutreffen. Der Rundgang der Gruppe, unter Leitung des Historikers Andreas Pflock, begann an der früheren Zufahrtsstraße zum KZ (der heutigen „Straße der KZ-Opfer“) mit einer Darstellung der Gesamttopographie des Lagerkomplexes sowie der Schilderung der Beziehungen der Einwohner der Stadt Dachau zum Lager und zur SS. Anschließend folgte die Gruppe dem damaligen Weg der Häftlinge entlang des ehemaligen SS-Lagers bis hin zum zentralen Eingangstor. Vor dem ehemaligen Haupteingang in den Lagerkomplex, von wo aus auch das letzte noch erhaltene Gebäude des „frühen“ Konzentrationslagers Dachau (heute auf dem Gelände der Bayerischen Bereitschaftspolizei) einzusehen war, wurden die Entstehungsgeschichte des Lagers Dachau im Jahr 1933 und dessen Bedeutung als „Modell-KZ“ thematisiert.

„Da war zum einen eine Infotafel, die uns Andreas Pflock in der Nähe der Cafeteria vorstellte, und die den Besuchern der Gedenkstätte einen ersten Eindruck vom tatsächlichen Ausmaß des Konzentrationslagers Dachau vermitteln soll. Und auf dieser Infotafel ist tatsächlich ein Gemüsegarten eingezeichnet: Teilweise unterernährte Häftlinge in Dachau mussten Gemüse für ihre Unterdrücker anbauen, damit diese auch weiterhin die physische Kraft hatten, den ‚harten‘ Alltag in Dachau durchzustehen. Allein dieser Teilaspekt entlarvt meiner Meinung nach den perfiden Charakter des NS-Systems.“

Annegret Rupp

„Ich selbst bin immer noch sehr betrübt und allen Freunden, Kindern und Enkeln habe ich davon erzählt. Die Reaktionen waren ganz verschieden. Dachau, ohje. ‚Warum tust du dir das an?‘. ‚Du weißt doch Alles‘. Das stimmt schon, aber diese 12 schrecklichen Jahre lassen mich einfach nicht los. Es wird mich bis an mein Lebensende begleiten. Über die Schulklasse schütte ich nur Wohlwollen aus. Sie waren alle so dabei und ich denke nur: da brauche ich keine Angst zu haben, denn sie, die Schüler, geben es weiter, unsere Geschichte. Dankeschön, dass ich teilnehmen konnte.“

Helga Reisemann

„Mir ist unbegreiflich, zu was Menschen fähig sind, was sie anderen Menschen antun können, nur weil sie von Geburt an Roma, Sinti oder Juden sind oder wie im Falle der Zeugen Jehovas nach der Bibel leben wollen. Und das Schlimmste was ich empfinde ist die Tatsache, dass diese Scheußlichkeiten ausgerechnet im Herzen der Christenheit geschahen. Ich verstehe, warum solche Ereignisse für künftige Generationen lebendig erhalten werden müssen. Solche Grausamkeiten sollten sich in unserem Kulturvolk niemals mehr wiederholen. […] Vielen Dank für die Einladung und ihre aufschlussreiche Führung. Sie haben es verstanden, durch ihre Erzählform die Geschehnisse so darzulegen, dass man sich bildlich in das damalige Geschehen hineinversetzten konnte.“

Helmut Daub

Die Gruppe ging anschließend weiter bis vor das erhaltene Torgebäude mit dem Eingang in das Häftlingslager (auch „Jourhaus“ genannt) und der weltweit bekannten Inschrift „Arbeit macht frei“. Vor dem Gebäude erläuterte Andreas Pflock die Nachkriegsgeschichte des Ortes, die Entstehung und Gestaltung der heutigen Gedenkstätte und die historischen Hintergründe der historischen Torinschrift.

„Die eindrucksvolle Fahrt steht für mich in einem biografischen Zusammenhang. Im Jahre 1965 war ich Teilnehmer einer Gruppe der Aktion Sühnezeichen, die einen ‚Einsatz‘ in der Gedenkstätte Dachau hatte. Unser Aufgabe bestand darin, die Arbeiten beim Bau der Evangelischen Kirche auf dem Gelände zu unterstützen. Wenig gut fanden wir, dass es verschiedene Gedenkstätten gab und gibt. Eine der kath. Kirche, eine der jüdischen Gemeinden und nunmehr die der ev. Kirche. Zu diesem Zeitpunkt war auch noch kein Mahnmal für die politischen Verfolgten, geschweige denn für Homosexuelle, Zeugen Jehovas oder Sinti und Roma angedacht. Wie man bei der Führung erfuhr, war und ist es immer noch schwer, an die Verfolgung von Sinti und Roma zu erinnern. Für mich war es auf jeden Fall beeindruckend, nach den vielen Jahren nunmehr in der fertigen Kirche zu stehen. Gut ist es auch, dass diese Kirche als Begegnungsstätte genutzt wird.Nach unserer Arbeit in der Gedenkstätte setzten wir damals unseren Einsatz noch mehrere Monate in Israel fort. Rückblickend ist mir klar geworden, wie kurz nach dem Krieg unsere Arbeit stattgefunden hat.“

Günther Wahrheit

Nach der Besichtigung der Ausstellung zur Geschichte des Konzentrationslagers mit dem dort zugänglichen ehemaligen Aufnahme- und Duschraum für die Häftlinge, des Denkmals auf dem ehemaligen Appellplatz und dem Appellplatz selbst, legte die Gruppe vor den ehemaligen Krankenbaracken einen weiteren Halt ein. Dort wurden die medizinischen Versuche an Häftlingen des KZ Dachau und insbesondere die an Sinti und Roma vorgenommenen unmenschlichen Meerwassertrinkversuche erläutert. Im hinteren Teil des Geländes besichtigte die Gruppe die ab 1965 errichteten religiösen Gedenkorte. Die besondere Bedeutung der Evangelischen Versöhnungskirche als Ort des Hungerstreiks der Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma zu Ostern 1980 war ein weiterer wichtiger Themenaspekt des Rundgangs. Andreas Pflock verwies auch darauf, dass genau vor 30 Jahren die Errichtung eines Dokumentations- und Kulturzentrums der Sinti und Roma in Dachau durch eine Abstimmung im Stadtrat abgelehnt worden war. Die gemeinsame Erkundung des Gedenkstättengeländes endete auf dem Gelände der beiden erhaltenen Krematoriumsgebäude. Im Anschluss erhielten die Teilnehmenden die Möglichkeit zur eigenständigen Reflexion und Auseinandersetzung mit dem Ort bzw. zum Besuch der gut sortierten Buchhandlung und der Cafeteria. Mit der Rückkehr in Heidelberg um 21:45 Uhr endete für alle Teilnehmenden ein langer, anstrengender und eindrucksvoller Tag. Die Verbindung von historischen Fakten mit persönlichen Zitaten und Tagebucheinträgen ehemaliger Häftlinge hinterließ bei allen Teilnehmenden einen nachhaltigen Eindruck. Der Fußmarsch ins Lager, das Durchschreiten des Lagertors oder die Degradierung vom Menschen zur Nummer im Schub- und Duschraum waren abstrakt und erlangten auf diese Weise nicht nur eine historische sondern zugleich auch sehr menschliche Dimension.