Der Westerborkfilm: „Fast schon kriminalistische Rekonstruktion“ einer Bilderreise

1944 wird im Auftrag der SS im „Judendurchgangslager“ Westerbork in den besetzten Niederlanden ein Film gedreht. Auch die Abfertigung eines Zuges, der fast 1000 Personen nach Bergen-Belsen und Auschwitz deportiert, wird aufgezeichnet. 1956 verwendet der französische Filmregisseur Alain Resnais Einstellungen dieser Szenen in seinem Film „Nuit et Brouillard“ (Nacht und Nebel). Damit beginnt eine Bilderreise, die Fabian Schmidt in seinem Buch „Der Westerborkfilm: Bilderwanderung und Holocaust-Erinnerung“ untersucht, das er am Donnerstag, 7. Mai, um 18 Uhr im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma vorstellt. Der Eintritt ist frei.

Blick aus dem Deportationszug: die junge Sintezza Settela Steinbach wurde mit ihrer Familie nach Auschwitz transportiert und ermordet. Die Szene aus dem Westerborkfilm ist weltweit zu einem Symbol des Holocaust geworden. Foto: Filmstill

Der sogenannte Westerborkfilm wurde bald zum festen Bestandteil einer neu entstehenden, mitfühlenden Holocaust-Erinnerung und gehört heute zu ihren Bildikonen. Fabian Schmidts Buch erzählt diese Rezeptionsgeschichte auf der Basis empirisch gewonnener Filmdaten und rekonstruiert die Bedeutung des Westerborkfilms für die Formierung der Erinnerungskultur. Ausgezeichnet wurde die Arbeit mit dem Willy-Haas-Preis 2026.

Die Jury lobte Fabian Schmidt für seine detaillierte Analyse des auf 16 mm gedrehten „Täter-Film“-Materials. Der „Täter-Film“ zähle zu den wichtigen visuellen Dokumenten der Vernichtung der Juden und Sinti und Roma durch das NS-System. Fabian Schmidt nehme die Geschichte der Verwendung dieses Materials vor dem Hintergrund der Holocaust-Erinnerung in den Fokus. Die Bilder wurden in über 500 Produktionen eingesetzt. Die „fast schon kriminalistische Rekonstruktion“ der Dreharbeiten sei eine „außergewöhnlich fundierte Arbeit, die zahlreiche Quellen auswertet und insgesamt vorbildlich ist“, so die Jury.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma mit dem Critical Film & Image Hub an der Forschungsstelle Antiziganismus der Universität Heidelberg.